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DIN 16742 und DIN ISO 20457: Toleranzen für Kunststoff-Formteile
DIN 16742 ist zurückgezogen; für Kunststoff-Formteile gilt DIN ISO 20457:2021-06 »Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen« – nicht ISO 2768. Was die Toleranzgruppen TG 1 bis TG 9 bedeuten, woran Sie die Angabe im Schriftfeld erkennen, was mit Zeichnungen wird, die noch DIN 16742 nennen – und was bei der Erstbemusterung eines Spritzgussteils anders ist als beim Drehteil.
Welche Norm heute gilt
| Norm | Status | Was sie ist |
|---|---|---|
| DIN ISO 20457:2021-06 | gültig | die deutsche Fassung der ISO 20457:2018 – neun Toleranzgruppen, Abnahmebedingungen, Maßbezugsebenen; Text deutsch und englisch, 74 Seiten |
| DIN 16742:2013-10 | zurückgezogen | die Vorgängerin: fertigungstechnisch mögliche Toleranzen für Formteile aus geschlossenen Werkzeugen; vom Herausgeber als Ersatz für DIN 16901 empfohlen |
| DIN 16901:1982-11 | ersatzlos zurückgezogen | die alte Norm, deren dreistellige Toleranzreihen auf sehr alten Zeichnungen noch stehen |
Maßgeblich ist trotzdem, was auf der Zeichnung steht. Eine Zeichnung mit »DIN 16742 TG 6« wird nach dieser Norm bemustert, bis der Kunde sie ändert – eine zurückgezogene Norm ist nicht verboten, sie wird nur nicht mehr gepflegt. Für Neukonstruktionen gehört ISO 20457 ins Schriftfeld. Die ISO hat 2026 eine neue Ausgabe der ISO 20457 veröffentlicht; die deutsche DIN ISO 20457 beruht noch auf der Ausgabe 2018. Vor einer Bemusterung lohnt die Frage an den Kunden, welche Ausgabe er meint. Welche Norm für andere Verfahren gilt – Zerspanung, Guss, Schweißen, Stanzen –, steht unter Allgemeintoleranzen je Verfahren.
Die Angabe im Schriftfeld: TG 1 bis TG 9
Die Norm teilt die Toleranzen in neun Toleranzgruppen ein, TG 1 (fein) bis TG 9 (grob). Welche Gruppe ein Formteil erreicht, ergibt sich nach der Norm aus der Formmasse (ihrer Verarbeitungsschwindung und Schwindungsanisotropie) und dem Verfahren – Spritzgießen, Spritzprägen, Spritzpressen oder Pressen. Die Grenzabmaße jeder Gruppe sind nach dem Nennmaß gestaffelt; die Norm gliedert sie in ISO-Grundtoleranzgrade.
Im Schriftfeld steht deshalb nicht ein Buchstabe wie bei ISO 2768, sondern die Gruppe: ISO 20457 TG 6 oder auf älteren Blättern DIN 16742 TG 6. Zwei Dinge gehören dazu:
- Werkzeuggebunden oder nicht. Die Normen für Formteile unterscheiden seit DIN 16901, ob ein Maß in einer Werkzeughälfte liegt oder über die Trennebene hinweggeht – das zweite hängt von Schließkraft und Gratbildung ab und bekommt mehr Spielraum. Auf der Zeichnung sieht man beiden Maßen diesen Unterschied nicht an; wer bemustert, muss das Werkzeug kennen.
- Entformungsschrägen und Radien. Die Norm hat eigene Regeln dafür, wie Entformungsschrägen toleriert und Radien bemaßt und gemessen werden. Ein Maß an einer schrägen Wand braucht die Angabe, wo es gemessen wird.
Abnahmebedingungen: wann und wie gemessen wird
Das Besondere an ISO 20457 steht schon im Titel: Abnahmebedingungen. Ein Kunststoffteil schwindet nach dem Entformen weiter, nimmt je nach Werkstoff Feuchte auf und verändert sich mit der Temperatur. Die Norm legt deshalb fest, welche Prüfmaße als Abnahmewerte gelten, und gibt Hinweise zur Lagerung während der Prüfphase und zu den Maßbezugsebenen, auf die sich die Messung stützt. Für die Erstbemusterung heißt das: Messwerte ohne Angabe, wann nach dem Spritzen und bei welchen Bedingungen gemessen wurde, sind nur die halbe Wahrheit.
Was bei der Erstbemusterung eines Formteils anders ist
- Jede Kavität ist ein eigenes Musterteil. Bei einem Mehrfachwerkzeug werden die Nester getrennt gemessen und im Bericht gekennzeichnet (Nest 1 … n). Ein Maß, das in Nest 3 außerhalb liegt, ist ein Werkzeugbefund, kein Prozessbefund.
- Die Formmasse ist der Werkstoffnachweis. Typ, Hersteller und Charge der Formmasse mit Datenblatt – das Gegenstück zum Werkstoffzeugnis des Stahlhändlers. Für Automobilkunden kommt der IMDS-Eintrag dazu.
- Prozessparameter gehören dazu. Werkzeug- und Massetemperatur, Zykluszeit, Nachdruck: Was die Maße bestimmt, wird festgehalten, damit die Serie unter denselben Bedingungen läuft.
- Aussehen ist ein eigenes Merkmal. Einfallstellen, Grat, Bindenähte, Farbe und Glanz sind keine Maße. Verlangt der Kunde eine Aussehensfreigabe, ist sie ein eigener Nachweis (bei PPAP das Element 13).
- Konditionieren vor dem Messen. Die Abnahmebedingungen der Norm und die Vorgaben des Kunden entscheiden, nach welcher Lagerzeit und bei welchem Klima gemessen wird. Das steht im Messprotokoll.
So liest irot Erstmuster die Zeichnung eines Formteils
Steht ISO 20457, DIN 16742 oder DIN 16901 im Schriftfeld, erkennt irot Erstmuster die Norm und die Toleranzgruppe und kennzeichnet jedes Maß ohne eigene Toleranz damit. Die Grenzabmaße der Gruppe trägt der Prüfer aus der Norm ein – die Tabellen sind nicht hinterlegt, und geraten wird nichts. Mit ISO 2768 wird bei einem Formteil nie gerechnet, wenn es nicht auf der Zeichnung steht. Musterteile werden je Nest geführt; Formmasse und Charge stehen beim Werkstoffnachweis.
Häufige Fragen
- Ist DIN 16742 noch gültig?
- Nein. DIN 16742:2013-10 ist bei DIN Media als zurückgezogen geführt; es gilt DIN ISO 20457:2021-06 (ISO 20457:2018). Eine Zeichnung, die DIN 16742 nennt, wird trotzdem danach bemustert, bis der Kunde die Zeichnung ändert.
- Welche Toleranzen gelten für Kunststoffbauteile?
- Die Toleranzgruppe TG 1 bis TG 9 aus dem Schriftfeld nach ISO 20457 (früher DIN 16742); die Grenzabmaße der Gruppe sind nach dem Nennmaß gestaffelt. ISO 2768 gilt für ein Formteil nur, wenn die Zeichnung sie ausdrücklich nennt.
- Was sind nicht werkzeuggebundene Maße?
- Maße, die über die Trennebene des Werkzeugs hinweggehen und deshalb von Schließkraft und Gratbildung abhängen. Sie bekommen in den Formteil-Normen mehr Spielraum als Maße, die in einer Werkzeughälfte liegen.
- Was bedeutet TG 6 im Schriftfeld?
- Toleranzgruppe 6 von 9 nach ISO 20457 bzw. DIN 16742. Die Grenzabmaße dazu stehen in der Tabelle der Norm, gestaffelt nach dem Nennmaß; welche Gruppe erreichbar ist, hängt von Formmasse und Verfahren ab.
- Wann wird ein Spritzgussteil gemessen?
- Nach den Abnahmebedingungen der Norm und den Vorgaben des Kunden: Die Norm legt fest, welche Prüfmaße als Abnahmewerte gelten, und gibt Hinweise zur Lagerung während der Prüfphase. Im Messprotokoll stehen Lagerzeit und Klima.
Quellen und Stand
- DIN ISO 20457:2021-06: »Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen (ISO 20457:2018)«, gültig, 74 Seiten. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/din-iso-20457/339198594, gelesen am 16.10.2026.
- ISO 20457:2026-08: »Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen«, neu, englisch, 34 Seiten, ersetzt ISO 20457:2018-09; die deutsche DIN ISO 20457 beruht noch auf 2018. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/iso-20457/405402797, gelesen am 16.10.2026.
- DIN 16742:2013-10: »Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen«, zurückgezogen, 71 Seiten. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/din-16742/192658755, gelesen am 16.10.2026.
- Die Beschreibung der Erstbemusterung von Formteilen (Nester, Formmasse, Konditionierung) ist Praxis aus Spritzgussbetrieben, keine Normaussage; maßgeblich sind Norm und Kunde.
Normtexte sind urheberrechtlich geschützt und kostenpflichtig. Wir geben ihren Inhalt sinngemäß wieder; maßgeblich sind die Norm in der gültigen Fassung und die Vorgaben Ihres Kunden.