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Form- und Lagetoleranzen: die 14 Zeichen der ISO 1101 erklärt

Form- und Lagetoleranzen begrenzen, wie weit die Gestalt eines Bauteils von der idealen Geometrie abweichen darf – unabhängig vom Maß. Die Norm dafür ist ISO 1101 (in Deutschland DIN EN ISO 1101:2017-09) mit vierzehn Zeichen in vier Gruppen: Form, Richtung, Ort und Lauf. Hier alle vierzehn mit dem, was sie begrenzen, ob ein Bezug dazugehört und womit sie im Betrieb geprüft werden – dazu der Toleranzrahmen Feld für Feld, die Zeichen Ⓜ und Ⓔ, und wie jede dieser Toleranzen im Erstmusterprüfbericht steht.

Stand: · irot Erstmuster

Geprüft von irot · Fachliche Grundlage: DIN EN ISO 1101:2017-09, DIN EN ISO 5459:2025-12, DIN EN ISO 8015:2011-09 · Letzte Prüfung:

Form, Richtung, Ort, Lauf: die vier Gruppen

Eine Formtoleranz betrachtet ein Element für sich: Wie gerade ist die Kante, wie eben die Fläche, wie rund der Querschnitt? Sie braucht keinen Bezug. Eine Lagetoleranz setzt ein Element zu einem anderen in Beziehung – parallel, rechtwinklig, am richtigen Ort, ohne Schlag beim Drehen – und braucht deshalb einen Bezug, der im Rahmen mit einem Buchstaben genannt wird. ISO 1101 teilt die Lagetoleranzen weiter in Richtung, Ort und Lauf.

Die vierzehn Zeichen der ISO 1101. Zeichen, Gruppe und Bezug kommen aus dem Leser von irot Erstmuster; die Prüfmittel sind die im Betrieb üblichen, keine Normvorgabe.
ZeichenEigenschaftGruppe BezugBegrenztGeprüft mit
⏤Geradheit Formniedie Abweichung einer Linie oder einer Achse von der idealen GeradenHaarlineal mit Lichtspalt, Messuhr auf der Messplatte, Koordinatenmessgerät
⏥Ebenheit Formniedie Abweichung einer Fläche von der idealen EbeneTuschieren auf der Messplatte, Messuhr in mehreren Richtungen, Koordinatenmessgerät
○Rundheit Formniedie Abweichung eines Querschnitts vom idealen KreisFormmessgerät; die Messuhr zwischen Spitzen zeigt den Rundlauf, nicht die Rundheit
⌭Zylinderform FormnieRundheit, Geradheit und Parallelität der Mantellinien eines Zylinders in einer ZoneFormmessgerät oder Koordinatenmessgerät – ein Messschieber sieht sie nicht
⌒Linienform Formmöglichdie Abweichung einer Linie vom theoretisch genauen ProfilKoordinatenmessgerät mit Soll-Ist-Vergleich, Profilprojektor, Formlehre
⌓Flächenform Formmöglichdie Abweichung einer Fläche vom theoretisch genauen Profil, etwa einer FreiformflächeKoordinatenmessgerät oder 3D-Scan mit Soll-Ist-Vergleich gegen das Modell
⟂Rechtwinkligkeit Richtungimmerdie Abweichung vom rechten Winkel zum BezugAnschlagwinkel mit Lichtspalt, Messuhr am Winkel, Koordinatenmessgerät
∠Neigung Richtungimmerdie Abweichung von einem vorgegebenen Winkel zum Bezug, der nicht 90° istSinuslineal mit Messuhr, Koordinatenmessgerät
∥Parallelität Richtungimmerdie Abweichung einer Fläche oder Achse von der Parallelen zum BezugMessuhr auf der Messplatte über die ganze Länge, Koordinatenmessgerät
⌖Position Ortmöglichdie Abweichung des Orts eines Elements – Bohrungsmitte, Achse, Mittelebene – vom theoretisch genauen Ort, meist als zylindrische Zone ØKoordinatenmessgerät; mit Ⓜ auch eine Lehre; der Messschieber nur als Näherung
◎Koaxialität Ortimmerdie Abweichung einer Achse von der BezugsachseRundlaufprüfgerät zwischen Spitzen, Koordinatenmessgerät
⌯Symmetrie Ortimmerdie Abweichung der Mittelebene eines Elements von der Mittelebene des BezugsKoordinatenmessgerät; Messuhr beidseitig auf der Messplatte
↗Rundlauf Laufimmerdie Abweichung beim Drehen um die Bezugsachse – in einem Querschnitt (radial) oder an einer Planfläche (Planlauf)Messuhr am Rundlaufprüfgerät zwischen Spitzen oder im Prisma
⌰Gesamtlauf Laufimmerder Rundlauf über die ganze Länge oder Fläche – die Messuhr wird beim Drehen verschobenRundlaufprüfgerät mit geführter Messuhr, Koordinatenmessgerät

Zwei Verwechslungen kommen in Berichten immer wieder vor: Rundheit (Form, ohne Bezug) gegen Rundlauf (Lauf, mit Bezugsachse) – und Koaxialität gegen Rundlauf. Der Rundlauf enthält beides, Rundheit und Koaxialität, und ist deshalb das, was die Messuhr zwischen Spitzen tatsächlich anzeigt. Wer »Rundheit 0,02« mit der Messuhr prüft, prüft etwas anderes als die Zeichnung verlangt.

Der Toleranzrahmen, Feld für Feld

Auf der Zeichnung steht jede Form- und Lagetoleranz in einem Kasten mit zwei bis fünf Fächern, der mit einem Pfeil am tolerierten Element hängt:

  1. Das Zeichen – welche Eigenschaft gemeint ist (Tabelle oben).
  2. Der Toleranzwert in Millimetern, und vor ihm die Form der Zone: ohne Zusatz zwei parallele Linien oder Ebenen, Ø eine zylindrische Zone (üblich bei Position und Koaxialität), SØ eine Kugel. Ein Zusatz wie 0,05/100 heißt: je 100 mm Länge. Hinter dem Wert können Zeichen stehen (unten).
  3. Die Bezüge – ein, zwei oder drei Buchstaben in der Reihenfolge, in der sie das Teil ausrichten: zuerst der Primärbezug, dann der Sekundär- und der Tertiärbezug. A-B ist ein gemeinsamer Bezug aus zwei Elementen.
Zeichen hinter dem Toleranzwert und an den Bezügen, wie der Leser von irot Erstmuster sie kennt.
ZeichenBedeutung
ⓂMaximum-Material-Bedingung (M)
ⓁMinimum-Material-Bedingung (L)
ⓅProjizierte Toleranzzone (P)
ⒻFreier Zustand (F)
ⓊEinseitig verschobene Zone (UZ)
ⒺHüllbedingung (E)
ⓈUnabhängig von der Größe (S, RFS nach ASME)
ⓉTangentenelement (T)
ⓇReziprozitätsbedingung (R)
ⒶAbgeleitetes Element (A)
ⒸZugeordnetes Element nach Minimax (C)
ⒼZugeordnetes Element nach Gauß (G)
ⓃZugeordnetes Hüllelement (N)
ⓍZugeordnetes Pferchelement (X)
ⒾUnabhängigkeitsprinzip (I)

Die beiden, die am häufigsten vorkommen: Ⓜ, die Maximum-Material-Bedingung – die Toleranz gilt beim Maximum-Material-Maß und wächst, wenn das Element davon abweicht; so wird die Prüfung mit einer Lehre möglich. Und Ⓔ, die Hüllbedingung am Maß – das Element darf die Hülle des Maximum-Material-Maßes nirgends durchbrechen, womit das Maß die Form mit begrenzt. Zusätze wie CZ (gemeinsame Zone für mehrere Elemente) oder SZ (getrennte Zonen) stehen hinter dem Wert.

Bezüge und Bezugssysteme

Die Regeln für Bezüge stehen in ISO 5459 (DIN EN ISO 5459:2025-12). Ein Bezug ist nicht die Fläche selbst, sondern das ideale Element, das an sie angelegt wird – die Ebene an die Auflagefläche, die Achse an die Bohrung. Drei Bezüge in der richtigen Reihenfolge bilden ein Bezugssystem, das dem Teil alle Freiheitsgrade nimmt: Der Primärbezug legt es auf, der Sekundärbezug richtet es aus, der Tertiärbezug stoppt es. Dieselbe Reihenfolge ist die Aufspannung beim Messen – wer das Teil anders aufspannt als der Rahmen vorgibt, misst eine andere Toleranz.

Unabhängigkeitsprinzip: Maß und Form sind zwei Dinge

Nach ISO 8015 (DIN EN ISO 8015:2011-09) gelten Maßtoleranz und Geometrietoleranz unabhängig voneinander: Ein Ø20 h7 darf krumm sein, solange jeder Durchmesser im Maß liegt – es sei denn, die Zeichnung koppelt beides, etwa mit der Hüllbedingung Ⓔ. Für die Bemusterung heißt das: Ein Maß in der Toleranz sagt nichts über die Form, und eine Formtoleranz braucht ihre eigene Zeile im Bericht.

Form und Lage ohne Eintragung: die Allgemeintoleranz

Steht an einem Element kein Rahmen, gilt die Allgemeintoleranz des Schriftfelds auch für Form und Lage: nach ISO 2768-2 (Klassen H, K, L für Geradheit, Ebenheit, Rechtwinkligkeit, Symmetrie und Lauf) oder, bei neueren Zeichnungen, nach ISO 22081 mit den Werten der DIN 2769. Welche Norm wann gilt, steht unter Allgemeintoleranzen je Verfahren.

Wie eine Form- und Lagetoleranz im Erstmusterprüfbericht steht

  • Eine Zeile je Rahmen, mit Ballonnummer, dem Rahmen als Zeichnungsangabe (↗ 0,05 A), dem Toleranzwert als oberem Grenzwert und keinem unteren – die Abweichung kann nicht negativ sein.
  • Der Messwert ist die Abweichung, nicht ein Maß: 0,02 bedeutet »0,02 mm Rundlauf gemessen«. Der Bezug steht in der Zeile oder im Prüfplan.
  • Das Prüfmittel muss die Eigenschaft sehen. Ein Messschieber zeigt keine Zylinderform und keine Position mit Ⓜ; Rundlauf braucht die Bezugsachse zwischen Spitzen oder im Prisma. Die 10:1-Regel gilt auch hier.
  • Position mit Ⓜ: gemessen wird am Koordinatenmessgerät oder mit einer Lehre; wer nur den Bohrungsabstand mit dem Messschieber prüft, prüft ein Maß, nicht die Position.
  • Bezug fehlt? Ein Rahmen mit Richtung, Ort oder Lauf ohne Bezug ist ein Zeichnungsfehler – vor dem Messen beim Kunden klären, nicht erraten.

So liest irot Erstmuster den Toleranzrahmen

Ein Leser, der nur Text sieht, findet in einem Rahmen »0,05« und »A« als lose Zahlen und meldet ein Längenmaß 0,05 – oder nichts. irot Erstmuster erkennt den Kasten mit seinen Fächern, liest das Zeichen als Schriftzeichen oder, wenn das CAD-Programm es gezeichnet hat, aus der Geometrie (Kreis mit Kreuz = Position, zwei Kreise = Koaxialität, Pfeil = Rundlauf), dazu Zone, Modifikatoren und Bezüge, und macht daraus ein Merkmal mit dem Toleranzwert als Grenze. Ein gezeichnetes Zeichen ist nie so sicher wie ein geschriebenes – deshalb steht es mit geringerer Sicherheit da und wird vor dem Prüfplan angesehen. Jede Eigenschaft bekommt im Prüfplan ein Messmittel, das sie prüfen kann.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Form- und Lagetoleranzen?
Eine Formtoleranz begrenzt die Abweichung eines einzelnen Elements von seiner idealen Gestalt (Geradheit, Ebenheit, Rundheit, Zylinderform, Profil) und braucht keinen Bezug. Eine Lagetoleranz – Richtung, Ort, Lauf – begrenzt die Abweichung zu einem anderen Element und braucht deshalb einen Bezug.
Welche Symbole für Form- und Lagetoleranzen gibt es?
Vierzehn nach ISO 1101: sechs für die Form (Geradheit, Ebenheit, Rundheit, Zylinderform, Linienform, Flächenform), drei für die Richtung (Parallelität, Rechtwinkligkeit, Neigung), drei für den Ort (Position, Koaxialität, Symmetrie) und zwei für den Lauf (Rundlauf, Gesamtlauf).
Wann braucht eine Toleranz einen Bezug?
Immer, wenn sie ein Element zu einem anderen in Beziehung setzt: Richtung, Ort und Lauf. Formtoleranzen brauchen keinen; Linien- und Flächenform sowie Position gibt es mit und ohne Bezug.
Was bedeutet das Ⓜ im Toleranzrahmen?
Die Maximum-Material-Bedingung: Die Toleranz gilt beim Maximum-Material-Maß und wächst, wenn das Element davon abweicht – etwa eine Bohrung, die größer als ihr Kleinstmaß ist. Sie erlaubt die Prüfung mit einer Lehre.
Was ist der Unterschied zwischen Rundheit und Rundlauf?
Rundheit ist eine Formtoleranz ohne Bezug: Wie rund ist der Querschnitt? Rundlauf ist eine Lauftoleranz mit Bezugsachse: Wie weit schlägt die Fläche beim Drehen um diese Achse aus? Der Rundlauf enthält Rundheit und Koaxialität zusammen.
Gilt ISO 2768 auch für Form und Lage?
Teil 2 der ISO 2768 legte Allgemeintoleranzen für Geradheit, Ebenheit, Rechtwinkligkeit, Symmetrie und Lauf fest (Klassen H, K, L). Er ist 2021 durch ISO 22081 ersetzt; Zeichnungen mit »ISO 2768-mK« werden weiter danach geprüft.

Quellen und Stand

  • DIN EN ISO 1101:2017-09: »Geometrische Produktspezifikation (GPS) – Geometrische Tolerierung – Tolerierung von Form, Richtung, Ort und Lauf (ISO 1101:2017)«, gültig, 159 Seiten, ersetzt die Ausgabe 2014-04. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-iso-1101/258479779, gelesen am 16.10.2026.
  • DIN EN ISO 5459:2025-12: »Geometrische Produktspezifikation (GPS) – Geometrische Tolerierung – Bezüge und Bezugssysteme (ISO 5459:2024)«, gültig, 154 Seiten. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-iso-5459/385519058, gelesen am 16.10.2026.
  • DIN EN ISO 8015:2011-09: »Geometrische Produktspezifikation (GPS) – Grundlagen – Konzepte, Prinzipien und Regeln (ISO 8015:2011)«, gültig, 20 Seiten; darin der Grundsatz der Unabhängigkeit. DIN Media, https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-iso-8015/132821865, gelesen am 16.10.2026.
  • Die Zeichen, Gruppen und Modifikatoren sind die, die der Leser von irot Erstmuster kennt (ISO 1101, ISO 5459, ASME Y14.5 als Schreibweise); die Prüfmittel je Eigenschaft und die Hinweise zum Bericht sind Praxis aus Zerspanungsbetrieben, keine Normaussage.

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